Proteste gegen Abschiebungen in Deutschland sichtbar machen
Diese Karte geht auf ein Forschungsprojekt zum Thema Proteste gegen Abschiebungen zurück [1]. Sie enthält erstens Fälle, über die in den Medien berichtet wurde; zweitens ist sie interaktiv und Nutzer_innen können selber Ereignisse (unter Nennung der Quelle) hinzufügen.
Zum Thema: „Abschiebbar“ werden Personen aus unterschiedlichen Gründen (Ablehnung eines Asylantrags, Auslaufen einer Duldung etc.). Abschiebungen sind staatliche Verwaltungsakte, die häufig fernab von öffentlicher Sichtbarkeit vollzogen werden. Ein Beispiel ist die hohe Zahl an Abschiebungen, die während der Nacht eingeleitet werden. Ein anderes Beispiel die Buchung von speziellen Charterflügen, auf die keine anderen Fluggäste gebucht sind. Sichtbar werden Abschiebungen vor allem dann, wenn sich Protest regt. Abschiebungen werden von unterschiedlichen Personen(gruppen) (Schulklassen, Vereine, Arbeitgeber, religiöse Gemeinschaften, zivilgesellschaftliche Gruppen und Bewegungen etc.) aus unterschiedlichen Gründen nämlich auch abgelehnt. Um einige dieser Auseinandersetzungen sichtbar zu machen, haben wir diese Karte konzipiert, in der auch die Vielfältigkeit von Anti-Abschiebeprotesten deutlich wird. Wer mehr zum Thema Abschiebungen erfahren möchte, für die/den ist das Buch „Blackbox Abschiebung“ von Miltiadis Oulios ein guter Einstieg [2].
Zur Methode: Die in dieser Karte dargestellten Protestereignisse beruhen auf Berichten in Zeitungen. Diese haben wir über eine Medienanalyse identifiziert, die im Rahmen der deutschen Teilstudie des vergleichenden Forschungsprojektes “Proteste gegen Abschiebungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz“ (1993-2013) erfolgte [3]. Mit Hilfe einer zuvor im internationalen Projektteam entwickelten automatisierten Begriffsfolge wurden Zeitungsartikel aus der Süddeutschen Zeitung (SZ) und der tageszeitung (taz) identifiziert, die über Proteste rund um das Thema Abschiebung berichteten [4]. Diese wurden anschließend in AmCAT, einem Freeware Programm zur quantitativen Inhaltsanalyse, mit Hilfe eines 18-seitigen Kodierbuches kodiert, ausgewertet und im Programm Excel aufgearbeitet [5]. In der Karte werden Protestereignisse aus dem Zeitraum 2005 bis 2013 dargestellt. Aufgrund der getroffenen Auswahl an Printmedien und der Beschaffenheit dieser Quellen, deren Aufgabe die Berichterstattung für die Öffentlichkeit relevanter und nicht aller Ereignisse ist, erhebt die Darstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit und repräsentative Verteilung von Protesten in Deutschland [6]. Wichtiger als die genaue geographische Verortung ist dabei die Sichtbarmachung von und ein differenzierter Blick auf Proteste gegen Abschiebung. Die Karte dient insbesondere der Thematisierung der Vielfalt von Protesten in vier wichtigen Aspekten: Ziel, Hauptakteur_innen, Form und Ausgang. Ein mapping von Protestereignissen zum Thema Abschiebungen für Österreich findet sich hier [7].
Dies ist eine interaktive Karte! Nutzer_innen können in die Rolle von Kartograph_innen schlüpfen, um die anfangs von uns erstellte Karte stetig zu ergänzen. Über die Funktion „Ereignis-Meldung“ können Berichte von Protesten eingestellt werden. Wichtig ist es für die Verlässlichkeit der Daten, dass möglichst genaue Zeitangaben und Daten sowie Quellen angegeben werden. Auch die Bewertung der Glaubwürdigkeit erfolgt durch die Nutzenden. Dieser interaktive kollektive Kartierungsprozess stellt somit selbst einen Versuch dar, Proteste gegen Abschiebung öffentlich zu thematisieren. Wir freuen uns über eine rege Beteiligung!
[2] http://www.suhrkamp.de/buecher/blackbox_abschiebung-miltiadis_oulios_7253.html
[3] Die deutsche Teilstudie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert (DFG-SCHW1389/5-1), der wir dafür herzlich danken.
[4] Insgesamt wurden mehr als 22 000 Artikel identifiziert, 1 770 davon in der SZ, der Rest in der taz; wir haben entschieden, alle Artikel aus der SZ zu kodieren und ein Zufallssample von 500 Artikeln aus der taz.
[5] An den verschiedenen Arbeitsschritten im deutschen Team waren beteiligt: Maren Kirchhoff, Stephan Liebscher, David Lorenz, Silvia Mann, Sophia Nürnberger, Helen Schwenken (alle: Universität Osnabrück bzw. Kassel).
[6] Die Auswertung zeigt, dass die Tageszeitung SZ trotz ihrer bundesweiten Verbreitung einen starken regionalen Fokus hat, wenn es um Berichte zu Anti-Abschiebeprotesten geht.
[7] https://inex.univie.ac.at/mapping-protest/